Reine Zockerei
Reine Zockerei. Spielhallen und Wohlfahrtsverbände streiten um Geld vom Staat
Medium: Süddeutsche Zeitung
München - Der Hinweis ist eindeutig. Wie es denn zu rechtfertigen sei, lautet die Frage, dass solche Stellen 'aus Steuermitteln ... gefördert werden'. Solche Stellen, damit sind kirchliche Einrichtungen, Wohlfahrtsverbände und Suchthilfen gemeint, die jenen Menschen helfen, die dem Glücksspiel verfallen sind. Viele dieser Verbände weigern sich, mit den Betreibern der Spielhallen zusammenzuarbeiten, weil sie derlei Vergnügungsstätten nicht auch noch unterstützen wollen. Doch wer nicht kooperiert, der hat auch keinen Anspruch auf öffentliche Mittel. So steht es, in Frageform gekleidet, in einem Schreiben der 'Deutsche Automatenwirtschaft' an die Gesundheitsministerien mehrerer Bundesländer.
Die Deutsche Automatenwirtschaft macht Öffentlichkeitsarbeit für Spielhallen, Händler und Unternehmen, die Spielautomaten herstellen. Wichtigster Funktionär dieses Wirtschaftszweigs, der mehr als drei Milliarden Euro im Jahr erlöst, ist Paul Gauselmann, Chef des größten deutschen Glücksspielkonzerns. Gauselmann ist sauer auf jene Wohlfahrtsorganisationen, die es beharrlich ablehnen, Partner der Casinos zu werden. Die von den Spielhallen nicht als Helfer in der Not genannt werden wollen, an die sich Spieler wenden können, wenn sie von den elektronischen Unterhaltungsgeräten nicht mehr loskommen. Das sei eine unverständliche 'Verweigerungshaltung', schreibt die Deutsche Automatenwirtschaft und bittet die Gesundheitsressorts mehrerer Länder 'freundlicherweise' um Auskunft, wie dort die Förderung solcher Hilfsorganisationen gesehen werde.
Diverse Suchthilfeeinrichtungen wiederum sind sauer auf die Spielhallen-Branche. Der Deutsche Caritasverband hat bereits im Sommer davor gewarnt, sich von der Automatenindustrie instrumentalisieren zu lassen. Es bestehe die Gefahr, dass die Glücksspielindustrie Kooperationen mit Hilfsorganisationen nur dazu nutze, die von den Bundesländern 'geplanten gesetzlichen Verschärfungen zu unterlaufen und zu verhindern'.
Organisationen wie der Fachverband Glücksspielsucht werfen Gauselmann und dessen Kollegen vor, nur an Pseudoaktionen interessiert zu sein. Die Gefahr, die insbesondere von den Automatenspielen ausgehe, werde von Gauselmann geleugnet. Bestärkt in dieser Einschätzung fühlen sich Suchthilfeverbände durch Äußerungen der Präventionsbeauftragten der Gauselmann AG, Katrin Koch. Sie spricht von 'Medien- und Profilierungssucht' der Suchtexperten. Jeder mündige Bürger solle frei entscheiden können, was er mit seinem Geld und seiner Gesundheit mache.
Für Wohlfahrtsverbände sind solche Äußerungen angesichts Hunderttausender spielsuchtgefährdeter Menschen in Deutschland eine Provokation. Vereinzelt kooperieren Hilfsorganisationen zwar mit der Spielhallenbranche. Eine generelle Zusammenarbeit lehnt beispielsweise der Deutsche Caritasverband aber ab. Dass die Automatenwirtschaft deshalb die staatliche Unterstützung der Wohlfahrtsverbände in Frage stellt, dürfte für noch mehr Ärger sorgen.
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