Runder Tisch der Merkur Spielotheken GmbH

Datum: 
1. August 2011

aus dem DHS Newsletter vom 29.07.11

Sehr geehrte Damen und Herren, Liebe Kolleginnen und Kollegen, dass Suchtprävention nichts anderes ist als Public Relation, kaum jemand glaubt das vermutlich mehr als Katrin Koch. Nachdem sie 7 Jahre lang als „Pressesprecherin und Spielsuchtbeauftragte“ der West-Spielcasinos in Präventionsfachkreisen unauffällig blieb, managt sie nun den Bereich Public Relation für die Gauselmann AG und ist zugleich noch „Präventionsbeauftragte“ des sog. Espelkamper Groschengrab-Milliardärs und Spenders (http://www.meudalismus.dr-wo.de/html/managergehalter.htm http://www.sueddeutsche.de/politik/abgeordnete-erhielten-schecks-dubiose-parteispenden-aus-gluecksspielkonzern-1.1061744)

Was dabei herauskommt, wenn man derart unvereinbare Dinge wie Public Relation und Prävention für das suchtpotenteste und epidemiologisch ruinöseste Automaten-Glücksspiel vereinen will, liest sich bei Frau Koch dann so:

„Was meinen wir damit, wenn wir von Sucht sprechen? Letztlich geht es um kurzfristiges, phasenweise oder dauerhaftes exzessives Verhalten. Um eine Verhaltensart, die im geringen Maße niemanden stört."

Nach diesem fachlich leicht unkonventionellen Aufschlag putzt Koch, gleichsam präventiv, all jene vom Tisch, die ihr hier vielleicht widersprechen möchten:

„Betrachtet man die derzeitig geführte Spielsucht-Debatte, die von ‚Suchtexperten‘ geführt und von Politikern aufgenommen wird, dann stellt sich die Frage, über welche Sucht spricht man eigentlich, beziehungsweise welche steht hier im Vordergrund: Aufmerksamkeitssucht, Mediensucht, Profilierungssucht, Raffsucht?“

Derart lässig befreit von jedem Zweifel, lässt es sich sodann frei plaudern: „Was heißt spielsüchtig eigentlich konkret? Dass ich im Spiel versinke? Was ist dann mit den Gesellschaftsspielen wie Siedler, Doppelkopf, Bridge …“ Davon möchten Sie mehr lesen? Keine Sorge – es geht weiter: „Wir brauchen Sucht, denn Sucht ist etwas zutiefst menschliches, denn letztlich ist der Mensch vom Trieb gesteuert. Unser Verstand beziehungsweise die Disziplin sorgen dafür, dass unser Verhalten nicht ausufert und wir die Kontrolle behalten. Was ist Sucht also? Letztlich fängt Sucht doch dort an, wo Disziplin fehlt…“

So geht es in einem fort und so skurril muss es sich offenbar lesen, wenn eine PR-Expertin auch noch für Prävention herhalten soll. Unaufhaltbar schraubt sich der kleine Aufsatz in dadaistische Höhen, um dann jedoch leider wieder genau mit jenem Mantra zu enden, das alle Anbieter in den Rausch- und Suchtbranchen seit Jahrzehnten herreden: „Die Gesellschaft, das Elternhaus müssen dafür sorgen, dass jeder Mensch eigenverantwortlich erzogen wird. Nur so kann und wird zukünftig eine Gesellschaft funktionieren.“  - Selten wohl hat sich hinter einem vorgeblichen Gedanken so viel Unbedarftheit (oder Zynismus) verborgen, wie hinter diesem.

Der Beitrag kann bei Interesse unter brodd@dhs.de angefordert werden und erschien unlängst in der Zeitschrift AutomatenMarkt tatsächlich unter der Rubrik „Spiegel der Branche“. Und tatsächlich ist das unterzuckerte Argumentationsniveau symptomatisch. Weil sie eben auch PR-Managerin ist, zeichnet Koch neben dem Artikel auch verantwortlich für eine Veranstaltungsreihe sog. "Runder Tische" (wir erinnern uns: Zu Zeiten der Wende ein Synonym für demokratischen Aufbruch), mit denen sie durch ziemlich alle Bundesländer zieht. Die Einladung für diese Veranstaltung, auch von Koch unterzeichnet, bleibt niveaukonstant: „Pathologisches Spielverhalten ist ein sehr ernst zunehmendes Thema, das nur im Dialog zwischen dem Hilfesystem und der Anbieterseite sinnvoll angegangen werden kann. Hierfür ist es wichtig, sich gegenseitig kennen zu lernen und im konstruktiv kritischen Dialog Wege für einen effektiven Spielerschutz zu finden und weiter zu entwickeln.“

Liebe Frau Koch! Tatsächlich: Pathologisches Spielverhalten ist ein sehr ernst zu nehmendes Thema. Chapeau! Alle wissenschaftlichen Erkenntnisse belegen dabei, dass insbesondere Geldspielautomaten das mit Abstand größte Gefährdungspotenzial darstellen. Und die Wege für einen effektiven Spielerschutz sind längst gefunden und entwickelt. Selbst von Ihnen finanzierte und damit keineswegs unabhängige Experten haben es ja längst bestätigt: Je kürzer die Spieldauer, je mehr Parallelspiele, je höher die Gewinnillusion, je größer die Verluste und je mehr Automaten, desto gefährlicher sind Ihre Spiele. Und genau in diesem Sinn hat die scheinbar auf vehemente Initiative Ihrer Branche betriebene Novellierung der Spielverordnung im Jahr 2006 das bis dahin ohnehin schon enorme Problem mit Ihren Automaten noch einmal massiv verschärft. Das glauben Sie nicht? Liebe Frau Koch: Der Bruttospielertrag der Geldspielautomaten-Wirtschaft stieg nach der Novelle um 57,4 % – Einnahmen, die zu mehr als der Hälfte (56 %) von pathologischen Spielern stammen. Von Menschen, die sozial, ökonomisch und gesundheitlich extrem gefährdet bzw. längst ruiniert sind. Sollten Sie also tatsächlich Interesse an einem effektiven Spielerschutz haben, so setzen Sie sich für eine Rückschreibung der Spielverordnung ein. Und wenn Sie dann noch auf Glücksspielautomaten in Gaststätten, Tankstellen und Einkaufszentren verzichten würden, bei denen der Jugendschutz so selbstverständlich und umfassend verletzt wird, als sei das Gesetz eine bloße Bitte, bestünde tatsächlich ein guter Grund, gemeinsam an einem Tisch zu sitzen, rund oder eckig. Bis dahin allerdings ist Ihr „Runder Tisch“ ohne Zweifel Pressearbeit und Public Relation – mit Prävention und Aufbruch hat er nichts zu tun.