Kinder ohne Kontrolle – Glücksspielsucht nimmt zu
Medium: SWR-online
Mainz
Sie stehen stundenlang am Automaten in der Spielhalle oder verzocken ihr Geld bei Online-Spielen: Immer mehr Kinder und Jugendliche werden glücksspielsüchtig. Die rheinland-pfälzische Landesregierung arbeitet gerade an einer Neuregelung des Glücksspielgesetzes und steht dabei vor einem Dilemma.
Mit dem neuen Gesetz muss das Land Rheinland-Pfalz einen Spagat machen: Zum einen muss der vom Bundesverfassungsgericht geforderte Schutz vor Glücksspielsucht gewährleistet werden und zum anderen der Glücksspiel- und Wettmarkt liberalisiert werden, wie es die Europäische Union verlangt.
Dem Entwurf zufolge soll für die Prävention und Bekämpfung der Glücksspielsucht jedes Jahr bis zu einer Million Euro aufgewendet werden. Außerdem soll die Zahl der Spielhallen begrenzt werden. Gleichzeitig plant das Land aber auch, 20 privaten Anbietern Konzessionen für sieben Jahre zu erteilen und 240 Wettbüros, die überwiegend Sportwetten vermitteln, zuzulassen.
15.000 Kinder und Jugendliche im Land betroffen
Gerade in der Verfügbarkeit von Spielautomaten und Wett-Möglichkeiten sehen Suchtexperten ein großes Problem. Auf einer Tagung der Landeszentrale für Gesundheitsförderung am Donnerstag in Mainz wurde deutlich, wie dramatisch die Lage ist. So sind sechs Prozent der 12- bis 18-jährigen Mädchen und Jungen glücksspielsüchtig oder stark gefährdet. Das ist das Ergebnis einer Studie der Universitätsklinik Mainz im Auftrag des Sozialministeriums. Hochgerechnet sind in Rheinland-Pfalz also 15.000 Jugendliche betroffen. "Erschreckend hoch" nennt der Verfasser der Studie, Prof. Manfred Beutel, diese Zahlen.
Spielsüchtiger Teenager: "Wenn man einmal drin ist, kommt man nicht mehr so leicht raus."
Depressionen und Schulden
Die Folgen für glücksspielabhängige Teenager: Probleme in der Schule, Isolation, Depressionen und Selbstmordgedanken. Familien brechen auseinander, weil der junge Süchtige lügt, betrügt und stiehlt, um an Geld zu kommen. Fast die Hälfte aller Glücksspielsüchtigen, die sich irgendwann einmal an die Suchtambulanz der Mainzer Uniklinik wenden, haben bereits mindestens 10.000 Euro Schulden angehäuft.
Die Auswirkungen der Glücksspielsucht bei Kindern und Jugendlichen seien verheerend, so Beutel. Ihr Gehirn befinde sich noch in der Prägungsphase und reagiere besonders stark auf neue Reize. Die Kontrollfunktion sei dagegen noch nicht so gut ausgebildet. Beutel und seine Kollegen fordern daher, die Möglichkeiten für Kinder und Jugendliche überhaupt an Glückspiele zu kommen, stark einzuschränken.
Gewinninteressen und Kompetenz-Wirrwar
Beutel monierte in dem Zusammenhang, dass sich in der Landeshauptstadt Mainz die Zahl der Glückspielautomaten in den zurückliegenden sechs Jahren verdoppelt habe. Der Grund: Die Kommunen verdienen über die Vergnügungs- und Gewerbesteuer an den Spielautomaten. Auch verhinderten die verschiedenen Zuständigkeiten beim Thema Wetten und Glücksspiel einen optimalen Schutz der Heranwachsenden. Denn über die Zulassung eines Automaten entscheidet die Kommune, über die Zulassung einer Spielhalle das Land und was ein Glücksspielautomat ist, legt wiederum der Bund fest.
Autoren: Bianca Schillig, Martin Heuser (Webfassung), SWR Landespolitik



